Geruchssinn: So nehmen wir Düfte wahr

Unser Geruchssinn ist einer unserer ältesten und faszinierendsten Sinne, doch bis heute wirft er bei Wissenschaftlern Fragen auf. Auch vielen Menschen ist das volle Potential ihres Geruchssinns gar nicht bewusst. Gerüche sind durch die Vielfalt ihrer chemischen Zusammensetzung weitaus komplexer als visuelle oder auditive Reize. Dazu ist unsere olfaktorische Wahrnehmung direkt mit unserem Geschmackssinn und dem limbischen System unseres Gehirns verknüpft, das für Gefühle und Erinnerungsvermögen zuständig ist. Erfahren Sie, wozu Ihr Riechsinn imstande ist!

Nase

Aktives und passives Riechen

Bei jedem Atemzug nehmen wir winzige Duftpartikel auf, die sich in der Luft befinden. Diese Duftbotschaften werden im obersten Teil unserer Nase von der Riechschleimhaut aufgefangen, in der sich Millionen von Riechzellen befinden. Feine Sinneshärchen reagieren mit den Duftmolekülen und wandeln die chemischen Stoffe mithilfe eines Proteins in elektrische Signale um. Die Signale gelangen über unsere Nervenbahnen ins Gehirn. Dort werden sie an zwei Orten in Form eines aktiven und eines passiven Riechprozesses verarbeitet.
Das aktive Riechen findet in der Großhirnrinde statt. Die ankommenden Duftinformationen werden mit vertrauten Gerüchen abgeglichen. Dadurch machen wir uns bewusst, dass wir gerade einen Duft wahrnehmen und können diesen einordnen oder als neues Dufterlebnis abspeichern. Unsere Geruchsrezeptoren können jedoch nur eine begrenzte Anzahl an unterschiedlichen Düften wahrnehmen, ehe sie eine kurze Pause brauchen. Beim Parfüm Testen haben wir nach drei bis fünf Düften vorübergehend die „Nase voll“. Sind wir über einen längeren Zeitraum dem gleichen Geruch ausgesetzt, wird dieser ebenfalls vorübergehend ausgeblendet.

Der passive Anteil des Riechprozesses geschieht im limbischen System. Dies ist einer der ältesten Teile unseres Gehirns und dient der Verarbeitung von Emotionen. Jeder Geruch ist untrennbar mit Gefühlen und Erinnerungen verbunden, die bei einem Dufterlebnis unbewusst wachgerufen werden. Ursprünglich war dies ein Lern- und Schutzmechanismus. Durch diesen Zusammenhang können wir aber sogar unsere Emotionen mit Düften beeinflussen.

Duftbotschaften entschlüsseln

In der Natur existieren etwa eine Million verschiedene Gerüche. Die meisten Menschen können aber nur rund 10.000 Düfte voneinander unterscheiden und sogar nur die Hälfte davon namentlich zuordnen. Mit ausreichender Übung ist es jedoch möglich, bis zu dreimal so viele Duftnoten differenziert wahrzunehmen – eine essenzielle Fähigkeit in der Parfümherstellung. In Wahrheit besteht eine einzelne Duftnote allerdings aus zahlreichen chemischen Bausteinen, die sich zu einem einzigartigen Duftmuster verbinden. Allein der Geruch der Rose besteht aus 500 verschiedenen Komponenten!
Die Riechzellen in unserer Nase fangen diese Komponenten auf, um die Duftbotschaften zu entschlüsseln. Ähnlich wie die Geschmacksknospen auf der Zunge sind auch Riechzellen auf unterschiedliche olfaktorische Reize spezialisiert. Es gibt 350 verschiedene Arten von Rezeptoren, die sich nur mit bestimmten Geruchskomponenten verbinden und anschließend ein chemo-elektrisches Signal weiterleiten. In unserem Gehirn werden die empfangenen Signale zu einem Duftbild zusammengesetzt. Riechzellen haben eine Lebensdauer von vier bis acht Wochen und werden regelmäßig vollständig erneuert.
Unser Geruchssinn hat außerdem großen Einfluss auf unser Geschmacksempfinden. Die menschliche Zunge kann nur fünf verschiedene Geschmacksrichtungen voneinander unterscheiden: süß, sauer, salzig, bitter und umami – Japanisch für herzhaft oder fleischig. Für die Wahrnehmung der Feinheiten ist unser Riechsinn zuständig. Daher hat Essen oft einen faden Beigeschmack, wenn unser Riechvermögen beispielsweise durch eine Erkältung beeinträchtigt ist. Auch Schärfe nehmen wir mit unserem Geruchssinn wahr. Pikante Lebensmittel wie Pfeffer oder Chili lösen durch das enthaltene Capsaicin feine Schmerzreize aus, die über die Nervenbahnen an unseren Geruchssinn weitergeleitet werden. Als Schutzmechanismus fängt unsere Nase an zu laufen, um die vermeintlich gefährlichen Partikel so schnell wie möglich aus dem Körper zu entfernen und die Nasenschleimhaut zu schützen.

Nervenzellen

Möglichkeiten des Geruchssinns

Die Wahrnehmung von Schärfe ist nur ein Beispiel dafür, wie unser Geruchssinn bereits in der Vergangenheit das Leben unserer Vorfahren sicherte. Jedes Dufterlebnis wird gemeinsam mit Erinnerungen und Emotionen abgespeichert, um Nahrungs- oder Gefahrenquellen schnell ausmachen zu können. Verdorbene Lebensmittel wie Fleisch und Milchprodukte nehmen wir oft zuerst am Geruch war. Brandgeruch warnt uns vor Feuer und auch vor einem Gewitter scheint etwas „in der Luft zu liegen“, das wir über den Geruchsinn bemerken.
Wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass verschiedene Spezies auf unterschiedliche Duftfamilien spezialisiert sind. Hunde können besonders gut Fettsäuren wahrnehmen und dadurch ihre Beute verfolgen, während Menschen vor allem auf fruchtige Noten sensibilisiert sind. Frauen reagieren im Allgemeinen empfindlicher auf olfaktorische Reize als Männer, vor allem während der Schwangerschaft.
Jeder Mensch besitzt einen einzigartigen Eigengeruch, der dem seiner Verwandten ähnelt. Man kann also von einem Familiengeruch sprechen, der vor allem für Neugeborene wichtig ist. Nach der Geburt legt der Geruch den Grundstein für eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind. Die beiden können sich anhand ihres Duftes wiedererkennen. Der vertraute Geruch eines anderen Menschen schafft ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Auch aphrodisierende Düfte können wir in begrenztem Maße in Form von Pheromonen wahrnehmen. Die sexuellen Signalstoffe sind beim Menschen zum Beispiel in Schweiß enthalten.